Foto: Caritas Servicestelle Pflegende Angehörige „Es hilft alles nichts, da muss ich jetzt durch!“ Tapfere Worte einer pflegenden Angehörigen. Denen ich leider zustimmen muss, obwohl ich um die Belastungen meiner Klientin weiß und es mir sonst immer ein Anliegen ist nach Entlastungsangeboten zu suchen, an einer Veränderung der überfordernden Situation zu arbeiten oder zu ermutigen […]

über Was geht noch, in Zeiten wie diesen? Unser Appell an betreuende und pflegende Angehörige: Bleiben Sie mit Ihrer Situation nicht alleine! — Pflegende Angehörige

Covid-19: Schutz der psychosozialen Gesundheit

Covid-19: Schutz der psychosozialen Gesundheit

Patienten wie Pflegekräfte befolgen strikt die Anweisungen der Regierung, wie auch die vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen zur Vermeidung einer Ansteckung mit dem Coronavirus. Doch nicht nur die physische Gesundheit, sondern auch die psychosoziale Gesundheit ist in dieser Krise eine Herausforderung – nicht nur, aber ganz besonders in der 24-Stunden-Pflege, da das Pflegepersonal derzeit nicht einmal bei familiären Krisenfällen nach Hause fahren könnte: ein auf Dauer untragbarer Zustand.

 

Wir befolgen Verhaltensregeln, halten uns an die Heimquarantäne in der Corona-Krise nun schon seit mehr als einer Woche. Doch selbst, wenn wir Viren mit Desinfektionslotionen einfach abwaschen können, so hinterlassen diese Einschränkungen Spuren: es beschäftigen uns zahlreiche Gedanken, Ängst und Sorgen.

Tag für Tag verfolgen wir Nachrichten von Neuinfektionen, von Todesstatistiken, von Stadien, die in Leichenhallen umfunktioniert werden müssen. Dazu kommt für Betreuungskräfte noch die geographische Distanz zur eigenen Familie: Grenzschließungen, Abriegelungen mitten in Europa, die vor wenigen Wochen noch undenkbar waren. bzw. Schließungen. Natürlich fragt man sich „komme ich jemals wieder nach Hause“ und/oder „wann sehe ich meine Familie wieder“, „werde auch ich mich anstecken“ und/oder „wie werde ich meine Rechnungen weiterzahlen“?  Zusätzlich untermauern Ausgangssperren und Isolation die Gefährlichkeit der derzeitigen Lage.

Dadurch wird die Corona-Krise zur Bedrohung durch einen unsichtbaren Feind – die Angst. Im Angstzustand setzen meist Gefühle von Machtlosigkeit und Ohnmacht ein. In der derzeitigen Krise, die für jeden einzelnen für uns ganz konkrete Konsequenzen hat, sind Ängste nachvollziehbar und normal. An keinem von uns gehen diese Wochen des Bangen spurlos vorüber.  Bis dato ging es um Verhaltensregeln der Krankheitsprävention, doch nun wäre es an der Zeit die eigene psychosoziale Gesundheit zu schützen.

 

Gesundheit: der psychosoziale Aspekt ist wichtig
Wolfgang Kutschera, perfekt-betreut.at: „Mut in der Krise statt Angst ist ein wichtiger Faktor für die psychosoziale Gesundheit“

 

  • Annehmen der Situation: Versuchen wir, die Realität zu akzeptieren. Das Akzeptieren des derzeitigen Geschehens formt unsere Sichtweisen. Der tägliche Informationsfluss ist wichtig für uns, allerdings sollten wir uns von Fake News und Horrorszenarien distanzieren.
  • Nicht nur Schwarz sehen – optimistisch denken: Die eigenen Sichtweisen versuchen ins Positive zu lenken und nicht in der Negativspirale stecken bleiben. Epidemien und Pandemien hat es in der Geschichte immer wieder gegeben und wird es auch weiterhin geben, denke man beispielsweise an die Spanische Grippe (Influenzavirus) von 1918 – 1920, die weltweit nahezu 50 Millionen Menschen das Leben kostete, oder auch an den HIV Virus, der bis heute noch stark verbreitet ist. Es wird auch ein Ende der Corona Krise geben. Auch wenn wir derzeit wie in Einzelhaft leben und nicht wissen, was noch alles auf uns zukommt – es wird vorbei gehen. Die gesetzten Maßnahmen werden greifen, die Virusausbreitung einzudämmen. Wissenschaft und Forschung setzen alles daran, Medikamente für die Virusbekämpfung zu entwickeln.
  • Einander Mut machen: Der Kontakt zu Familie, Freunden und Kollegen ist in diesen Krisenzeiten von enormer Wichtigkeit, um sich nicht von der Außenwelt isoliert zu fühlen. Wir können über unsere Gefühle reden wie z.B. uns die Trennung vom Heimatland schwer fällt und auch das Visavis hat die Möglichkeit, sich uns anzuvertrauen. Dadurch entwickeln wir das Gemeinschaftsgefühl „wir sitzen alle im selben Boot“. Einander Mut machen statt Angst schüren, einander beruhigen statt Panik machen.
  • Positive Dinge in der Krise finden: die Krise hat nicht nur Negatives, viel Positives ergibt sich automatisch auf Grund des „Sparmodus“, in dem wir uns derzeit befinden. Eine Entschleunigung der Gesellschaft war vielerorts ein Wunschdenken, nun sind wir durch die Krise gezwungen zu reflektieren, nachzudenken, und auch uns selbst zu entschleunigen. Der Tagesplan unterliegt nun weniger Hektik – sehen wir darin auch eine Chance auf neue Verhaltensmuster.

Die Corona-Krise wird uns noch lange belgeiten, sie kann aber neben all dem Leid auch positive Aspekte beinhalten. Die Welt wird danach nicht mehr so sein wie davor, sondern wahrscheinlich besser.

 

perfekt-betreut.at, März 2020

24-Stunden-Betreuung im Zeichen der Corona-Krise: ein Lagebericht

24-Stunden-Betreuung im Zeichen der Corona-Krise: ein Lagebericht

Die Grenzen zu unseren östlichen Nachbarstaaten (SK, HU, CZ) sind nun alle dicht. Steht die 24-Stunden-Betreuung vor einem Kollaps?

Nein, es gibt jedoch sehr viel Bewegung in verschiedene Richtungen: einige Betreuungskräfte sind in letzter Minute noch abgereist, hier bleiben Lücken, die es zu füllen gilt. Andererseits brechen manche Familien die Betreuung ab, da sie zum Schutz ihrer betreuungsbedürftigen Angehörigen die Sozialkontakte minimieren möchten. Dadurch stehen auch Betreuerinnen plötzlich ohne Familie da, die in der jetzigen Situation aber nicht nach Hause fahren können.

Der Großteil des Betreuungspersonals hat sich aufgrund der Grenzschließungen aber dafür entschieden, den Dienst bei ihren Patienten zu verlängern. Auch wir plädieren für diese Lösung, da damit Patient und Betreuer gleichermaßen vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus geschützt wird. Es ist wünschenswert, dass derzeit kein Betreuerwechsel vorgenommen wird: die Ansteckungsgefahr wäre zu groß, dass Viren von „draußen“ eingeschleppt werden. In den letzten Tagen haben sich bereits sehr viele Betreuerinnen mit den Patienten in den Wohnungen „verschanzt“, um sich entsprechend zu schützen.

COVID19 Coronavirus und die 24-Stunden-Betreuung
24-Stunden-Betreuung in Zeiten der Corona-Krise: notwendige Maßnahmen und Hilfeleistung für Patienten und Betreuungskräfte

Das ist ein Ausnahmezustand – nur wann wird der Zeitpunkt kommen, an dem Grenzen der Belastbarkeit erreicht sind?

Mit physischen und psychischen Belastbarkeitsgrenzen werden wir fortlaufend zu tun haben – hier gilt es individuelle Lösungen auszuarbeiten. Zusammenarbeit ist nun das Gebot der Stunde: mit Interessensvertretungen, anderen Agenturnetzwerken, wie auch Entscheidungsträgern.

Denn zahlreiche Betreuerinnen vor Ort sind einer enormen physischen wie auch psychischen Belastung an ihrem Arbeitsplatz ausgesetzt sind. Alleine das Wissen, hier bleiben zu müssen und nicht nach Hause gehen zu können, bedeutet psychischen Stress. Mitunter ist das Internet die einzige Kontaktmöglichkeit mit der eigenen Familie im Herkunftsland bzw. zur Außenwelt generell. Selbst wenn Familienmitglieder der Betreuerinnen erkranken, ist derzeit eine Ausreise von Österreich nicht durchführbar.

 

Wie kann man das Betreuungspersonal unterstützen?

Das ist primär die Aufgabe von uns Agenturen, denn wir sind die ersten Ansprechpartner für die Betreuerinnen vor Ort. Es ist sehr wichtig, dass sich keine unserer  Betreuerinnen alleingelassen fühlt. Wir führen unzählige Telefonate, fragen aktiv nach und wirken beruhigend ein. Denn es gibt überall das Bedürfnis, die gegenwärtige Situation zu besprechen, und die eigenen Ängste teilen zu können. Das Gefühl des „Verstanden-Werdens“ gibt Mut und Hoffnung. Dabei geht es vor allem um die mentale Unterstützung der Betreuungskräfte, die wochenlang ihr Bestes geben und dabei an ihre Grenzen gehen.

 

perfekt-betreut.at, 17. März 2020