Ist alle Wirklichkeit ohnehin nur eine Konstruktion des menschlichen Gehirns? Die Frage, was ist wirklich und was existiert vielleicht nur in unserer Vorstellung, beschäftigt die Menschheit schon lange. Wenn sich der Realitätsbezug des Verstandes generell bezweifeln lässt, was muss dann erst für den Verstand eines Demenzkranken gelten?

 Die Wahrnehmung von Realität ist ein Produkt der menschlichen Sinnesorgane und zerebraler Verarbeitungsprozesse. Vor diesem Hintergrund unterscheidet sich dementielles Denken und Erleben im prinzipiellen Wesen nicht von gesunden Denkmustern, da aus konstruktivistischer Sicht auch sämtliche Gesunden in ihren eigenen Welten leben. Unbestritten ist jedoch, dass die Wahrnehmungsunterschiede zwischen gesunden Menschen nicht so stark ausgeprägt sind wie die Unterschiede zur Welt Demenzkranker.

Gesunde Menschen können zwischen Traum und Tag meist ähnlich gut unterscheiden wie zwischen ihrem reinen Innenleben und Phänomenen, die sie einer Außenwelt zuordnen. Demenzkranken steht diese Fähigkeit meist nicht mehr zur Verfügung. Es kommt hinzu, dass kognitiv Gesunde gemeinsam Welten konstruieren können: Staaten, Firmen, religiöse Gemeinschaften sind gute Beispiele für derartige Gemeinschaftskonstruktionen. Derartige Konstruktionen werden miteinander ausgehandelt und dann von allen Beteiligten geteilt. Damit stellt man sie auf eine gemeinsame Basis und sie werden für mehrere Menschen gleichermaßen wirklich. Da Demenzkranke an solchen Verhandlungsprozessen nicht mehr teilnehmen können, fehlt ihnen eine wichtige Brücke zu einer wie auch immer gearteten Außenwelt.

Aus konstruktivistischer Sichtweise ist die Innenwelt von Demenzpatienten nicht weniger krankhaft oder unwirklich als diejeniger gesunder Menschen. „Der Demenzkranke ähnelt einem Schiff auf hoher See, das seine Navigationsgeräte und Anker verloren hat. So wird sein Kurs vor allem durch die Bauweise des Schiffes und alte Seekarten bestimmt. Nicht zuletzt fehlt ihm die Möglichkeit, an anderen Welten anzulegen, um sich mit deren Bewohnern über gemeinsame Koordinaten und die Position in einer alle verbindenden Welt auszutauschen.“ (Dr. Dr. Herbert Mück, Köln)

Ein solches Bild hilft zu verstehen, warum der Kranke verwirrt, unruhig und ängstlich erscheint. Welcher Schiffsreisende in seiner Situation wäre es nicht? Außerdem leuchtet ein, wie hilfreich es die Kranken vermutlich erleben, wenn sie sich nicht mehr alleine, sondern wieder in Sicherheit fühlen, insbesondere in einer ihnen vertrauten Welt.

perfekt-betreut.at

Ein Gedanke zu “Demenz: wie ein Schiff ohne Anker

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