Wenn du weißt es geht nicht mehr – pflegende Menschen am Rande der Erschöpfung

Wenn du weißt es geht nicht mehr – pflegende Menschen am Rande der Erschöpfung

Elisabeth R. erzählt von ihrer Pflegetätigkeit zu Hause:

Für meine bettlägrige Mutter da zu sein war eine Selbstverständlichkeit für mich. Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Wir hatten einen Notknopf installiert, der mich über einen Alarm weckte wenn Hilfe benötigt wurde. Ich stand gerne auf, für mich war es nur wichtig zu wissen, dass alles in Ordnung ist. Wenn mich wer fragen würde wie oft ich denn geweckt wurde in der Nacht – es spielte keine Rolle. Viel wichtiger war zu wissen, dass es allen gut ging, das war meine Aufgabe, meine Verantwortung.

Gleichzeitig war mir auch bewusst, dass die Arbeit meines Mannes das war, was die Pflege bei uns daheim erst ermöglichte. Ich war und bin ihm noch immer unheimlich dankbar dafür, dass er uns in dieser schwierigen Zeit so intensiv unterstützt hat. Wir mussten alle an einem Strang ziehen um die Situation bestmöglich zu meistern, und das ist uns denke ich auch gut gelungen.

Meine Mutter litt an einem Gehirntumor, ihre Krankheit war unheilbar und schritt rasch voran. Konnte sie einige Wochen zuvor noch die Toilette selbst aufsuchen, so war eine Weile später daran gar nicht mehr zu denken. Wir konnten alle – und ich wähle dieses Wort bewusst – den geistigen und körperlichen Verfall meiner Mutter mitverfolgen. Ich besonders, weil ich natürlich meist als Erste merkte, wenn wieder ein Stück Selbstverständlichkeit verloren ging. Traurig ist man schon, nur hat man eigentlich keine Zeit um lange über die Vergangenheit nachzudenken. Das tat auch ich nicht, vielmehr musste man in dieser Situation funktionieren. Und jetzt im Nachhinein denke ich mir oft, dass das auch gut war. Denn rückblickend würde ich es fast als eine Zumutung beschreiben, wenn man als Tochter so einer Situation ausgesetzt ist. Da kommt auch Wut und Verzweiflung hoch, was mir damals gut gelungen ist zu unterdrücken.

Dieses Funktionieren ging genau bis zum Zeitpunkt des Todes meiner Mutter. Danach war alles vorbei, meine Kraft war weg. Ich konnte nicht einmal das Begräbnis mehr alleine organisieren, obwohl ich mich darauf mental schon so oft vorbereitet hatte. Ich hatte schlichtweg keine Kraft mehr dazu! Und da wurde mir bewusst, wie sehr ich die ganzen Monate dieser Pflegetätigkeit hindurch gefordert war. Nein, es hätte nicht länger dauern dürfen – zumindest nicht in dieser Konstellation. Wir hätten das anders organisieren müssen, um es längerfristig gut zu schaffen.

Menschen funktionieren, wenn die Situation es schlichtweg abverlangt. Wir können Höchstleistungen erbringen und eine Kraft aufbringen, die niemand für möglich hält. Nur darf man nicht vergessen, dass dieser Adrenalinstoß, diese ständige Bereitschaft seine eigenen Grenzen  zu überschreiten, zeitlich beschränkt ist. Auch mir war’s zu viel, keine Frage. Aber es war andererseits abzuschätzen, dass diese Situation zu keinem langfristigen Zustand wird.

Ich hoffe, dass mein Einsatz genug war. Gleichzeitig kann ich rückblickend sagen, dass ich alles gegeben habe: ich weiß jetzt, mehr wäre nicht gegangen. Und das stimmt mich zufrieden.

“Wie das Wetter im April” – Aus dem Tagebuch einer pflegenden Angehörigen — Pflegende Angehörige

Mutter startete vor 10 Tage wieder mal um 6h morgens wie so oft ins Krankenhaus zum vereinbarten Termin. Es war ihr nicht mehr recht gut gegangen die Tage vorher. Alles blühte – der Wald, die Bäume, der Löwenzahn. Gelb wohin man schaute. Chemo wie gehabt, am nächsten Tag sollte sie wieder nach Hause kommen. Ja, […]

über “Wie das Wetter im April” – Aus dem Tagebuch einer pflegenden Angehörigen — Pflegende Angehörige