Aus den Erzählungen einer pflegenden Angehörigen:

Mein Mann ist krank, ihm fallen Erledigungen schwer, auch gewohnte Bewegungen kann er oft nicht mehr ohne Unterstützung ausführen. Ich pflege ihn gemeinsam mit einer Pflegekraft, die mich mehrmals in der Woche mit Nachtdiensten unterstützt – so kann ich zumindest in einzelnen Nächten durchschlafen und neue Kraft für den kommenden Tag sammeln.

Kraft benötige ich jede Menge – vor allem mentale Stärke. Nicht dass ich falsch verstanden werde: ich kümmere mich mit Hingabe um meinen Ehemann, mit ihm gemeinsam habe ich schließlich die schönsten Momente meines Lebens erleben dürfen, Kinder großgezogen und zahlreiche Länder besucht. Aber genau diese Erinnerungen sind es, die mich den jetzigen Anblick so schwer ertragen lassen. Mein Kopf versteht zwar, dass diese Situationen vorbei sind und ich versuchen muss auch in der jetzigen Lebenslage die schönen Momente (die gibt es auch!) aktiv zu erleben um sie genießen zu können. Doch diese vielen positiven Erinnerungen tun mir in Wirklichkeit sehr weh, das kann ich nicht verleugnen. Ich werde die Sehnsucht nach der Vergangenheit nicht los, das Bedürfnis meine Sorgen und Probleme mit meinem Mann zu teilen, auch seine starke Schulter zum Anlehnen in schwierigen Momenten. Das geht nun nicht mehr. Für mich bedeutet das eine Lücke, die nicht wieder schließbar ist.

Ich weiß nicht ob Trauer das richtige Wort ist, aber traurig bin ich schon darüber. Und diese Traurigkeit kostet mir sehr viel Kraft, die ich eigentlich für die Pflege meines Mannes an sich aufbringen möchte. Ich bewundere die Pflegekräfte, die jeden Tag viel Leid und Hilfsbedürftigkeit erleben müssen, aber dennoch immer wieder Kraft für den nächsten Tag sammeln können. Seitdem ich bei der Pflege unterstützt werde, habe ich nicht mehr das Gefühl ganz alleine für alles verantwortlich zu sein. Dieses Gefühl hilft mir Pflege auch als Aufgabe, die mir gestellt wird, zu begreifen.

Dass mein Mann zu Hause betreut werden kann, darüber bin ich sehr glücklich. Zu wissen, dass er in einem Heim von fremden Personen betreut wird und ich alleine zu Hause sitze, den Gedanken könnte ich nicht ertragen. Kraftraubend ist diese Sehnsucht nach der Vergangenheit mit Sicherheit, aber auch das ist ein Teil meines Lebens, den ich akzeptieren muss.

perfekt-betreut.at, Juli 2016

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