Aus einem Gespräch mit einer Angehörigen, die ihren demenzkranken Vater pflegte:

Pflege macht ungeduldig. Nicht weil alles viel zu lange dauert; das auch; aber in erster Linie deswegen, weil es dir deine gesamte Kraft raubt. Man muss schon bewusst darauf achten, dass diese Ungeduld nicht in Grobheit umschlägt, denn oft ist man verleitet grobe Dinge zu sagen oder noch bestimmter als sonst aufzutreten, um der Situation Herr zu bleiben. Aus Angst, aus Verzweiflung – ich weiß es nicht genau.

Und zu allem Überdruss erfährt man bei demenzkranken Menschen eigentlich keine Dankbarkeit – ich hab’s zumindest so empfunden. Mit dem zeitlichen Abstand, den ich jetzt zu diesen Ereignissen haben, muss ich mir auch eingestehen, dass ich vielleicht auch falsche Erwartungen hatte. Ich wollte den eigentlichen Charakter meines Papas nochmal erfahren, zumindest in einzelnen Momentaufnahmen. Wie früher eben, als er auf mich aufpasste und mir Spielsachen bastelte, mir das Leben zeigte.

Aber das war weg, die Rollen hatten sich gedreht. Damit war ich eindeutig überfordert, weil mir das so nahe ging – Tag für Tag. Ich kämpfte für die Rückkehr des eigentlichen Ichs meines Papas, aber die Demenz hat dieses Ich gestohlen, und zwar unwiederbringlich. Dafür empfinde ich jetzt noch immer Zorn, denn ich kann auch heute noch nicht beschreiben wie schlimm es ist einen vertrauten Menschen zu verlieren, der körperlich aber da ist. Er geht und er bleibt zugleich – wer soll das schon verstehen?

Ich bilde mir ein, dass ein plötzlicher Abschied viel erträglicher gewesen wäre. Die Trauer wäre auch dann groß gewesen, nur würde man sich nicht mit einem schlechten Gewissen herumplagen, warum man nicht immer freundlich gewesen ist, warum man nicht noch mehr Verständnis in manchen Situationen aufbringen konnte. Und ja, ich gebe es zu: in einzelnen Gedanken überlegt man sich, wann das wohl alles vorbei wäre.

Der Abschied auf Raten – ich konnte damit nicht gut umgehen, ich bezweifel auch ob wir Menschen dafür geschaffen sind. Wird man in eine solche Situation gezwungen, so muss man sie ohnehin ertragen. Ohne Hilfe und auch den Blick von außen hätte ich es nicht geschafft, ich war auch so an meiner Belastbarkeitsgrenze angelangt. Mein Papa war ein toller Mensch, und er hat ein vorbildliches Leben geführt. Er war für seine Frau da, für seine Familie und Freunde. Und auch Alzheimer war ein Teil dieses Lebens, so wie jeder andere auch.

Wir unterstützten die Familie mit stundenweiser Betreuung, um den Alltag etwas erträglicher zu machen.

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