Pflege ändert lang eingespielte Rollenverhältnisse, Verantwortlichkeiten und Erwartungen: der Erwachsene wird zum Kind. Vielen Eltern ist das unangenehm, da sie ihren Kindern nicht zur Last fallen wollen. Oft verletzt es auch ihr Schamgefühl, vom eigenen Kind gepflegt, gewaschen oder mit Inkontinenzproduktion versorgt werden zu müssen.Dieser Rollentausch zwischen Eltern und Kinder ist für viele nicht leicht zu akzeptieren und wird als unnatürlich empfunden.

Beziehungen zueinander ändern sich

Daher ist es für viele pflegebedürftige Personen nicht leicht zu akzeptieren, dass sie zunehmend abhängig von Hilfeleistungen sind. Vor allem bei Demenzerkrankungen ist die Wesensveränderung eine zusätzliche Herausforderung, die die vertrauten Muster des Angehörigen und die Kommunikationsmöglichkeiten mit ihm stark verändern. In solchen Fällen haben die Pflegenden eventuell ständig dagegen zu kämpfen, dass der Pflegebedürftige sich gar nicht pflegen lassen möchte – eine Aufgabe, die viel Einfühlungsvermögen und Geduld erfordert.

Die Verantwortung der Pflegenden

Einerseits sind von Pflegenden Entscheidungen zu treffen, um das Patientenwohl der pflegebedürftigen Person sicherzustellen. Andererseits muss jedoch auch darauf geachtet werden, dass Autonomie und Würde, wo immer möglich, beibehalten werden. In dieser Situation den richtigen Mittelweg zu finden kann eine große Herausforderung darstellen. Dabei ist zu bedenken, dass manch pflegebedürftige Person vollständig in die Rolle des Hilflosen schlüpft, und sich sogar hilfloser verhält als notwendig. All das kann über einen längeren Zeitraum hinweg zu tiefen Konflikten, Frustration und negativen Emotionen führen. Stresssituationen können zudem dazu führen, dass alte familiäre Gewohnheiten und Verhaltensmuster wieder aufflackern und unerwartet zum Problem
werden.
Daher müssen beide Seiten Schritt für Schritt lernen, mit der neuen Beziehung und ihrer Rolle darin umzugehen und die Veränderungen zu akzeptieren und zuzulassen.

Negative Gefühle und ablehnende Gedanken dürfen sein

Dass derartige Situationen Stress und auch Unzufriedenheit mit sich bringen, ist selbstverständlich. Das fördert auch negative Gefühle und ablehnende Gedanken, oft wünscht man sich der Situation einfach entfliehen zu können. Viele pflegende Angehörige fühlen sich aufgrund dieser Gedanken schlecht, sie schämen sich und haben Schuldgefühle. Diese Gedanken und Gefühle sind jedoch keineswegs unangemessen, sondern müssen als ein Signal der Seele verstanden werden, ein Anzeichen für die eigene Überforderung. Es ist der Ruf nach etwas Abstand, nach Unterstützung. Oft sind diese Gedanken der Startpunkt für eine aktive Veränderung, da derartige Situationen als Dauerzustand nicht erträglich sind.

Hilfe ist legitim, wichtig, notwendig!

Hilfe von außen ist eine Notwendigkeit bei überfordernden Situationen. Dafür muss man sich weder schämen noch gekränkt sein, dass man nicht immer alles alleine schafft. Inwiefern man Hilfe in Anspruch nimmt, wie intensiv und wie regelmäßig man Unterstützung benötigt kann immer auf individueller Basis besprochen und organisiert werden. Die Betreuung in Form von Einzelstunden (zB Hilfe bei der Morgentoilette), eine Tagespflege (zB bei Berufstätigkeit pflegender Angehöriger) oder auch die rund-um-die-Uhr-Betreuung (24-Stunden-Pflege) bieten jeweils Möglichkeiten, die jenen Abstand zur Situation erlauben, die der eigene Körper und die eigene Seele benötigen.

Informieren Sie sich und holen Sie sich die Unterstützung, um auch langfristig Großartiges leisten zu können! Begegnen Sie einer herausfordernden Situation immer auch mit dem notwendigen Abstand, das ist Ihr eigener Schutz. Sie lassen dadurch niemanden im Stich, sondern tanken Energie für die Zukunft.

 

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